Osteopathie – eine Behandlungsmethode in der Gynäkologie?

Der Osteopathiebegriff leitet sich aus dem anglo-amerikanischen Sprachgebrauch ab und definiert eine holistische, umfassende Therapieform, die sich in mehrere Bereiche gliedert. Historisch betrachtet ist der „Vater der Osteopathie“ Dr. Still (USA). Heute ist die Osteopathie in den USA an den Universitäten der ärztlichen Ausbildung angegliedert oder wird von speziellen Schulen oder Institutionen (Upledger Institut, San Francisco-USA, Manual Medicine Society London, etc.) gelehrt.

Es handelt sich bei der Osteopathie im Vergleich zu anderen manuellen Therapieformen um ein ganzheitliches Diagnostik- und Behandlungskonzept. Die Behandlung wirkt auf einer „tieferen“, ursächlicheren „Ebene“ in der Wechselwirkung zwischen Strukturen und deren Funktionen. In der Gynäkologie spielen dabei die Organbeziehungen des weiblichen Beckens mit den Nachbarregionen eine wichtige Rolle. Hierbei kommt durch die Behandlung zu einer Wiederherstellung eines funktionell besseren Gleichgewichtes im Zusammenspiel mit Uterus-Blase-Ovarien-Gefäßen-Muskulatur-Wirbelsäule und Gefäßnervenleitbahnen bis zum Kopf . Die Osteopathie läßt sich hierbei in drei Hauptbereiche gliedern:

Craniosacrale Osteopathie (CO)

(Schädelosteopathie)

Die CO arbeitet mit den entsprechend vorher genannten zarten Techniken an den Schädelknochen, der Wirbelsäule bis zum Steißbein,Becken und wirkt auf den Komplex Schädelknochenhirnhäute, Hirnrückenmarksflüssigkeitskreislauf,horizontale und vertikale Organbeziehungen bei der Frau.

Vizerale Osteopathie (VO)

(Behandlung der weiblichen inneren Organsysteme)

Die VO behandelt die inneren Organe, Organhüllen, Körperhöhlen, Gefäße und wirkt auf deren Beweglichkeit und Bewegung bis hin zur Verbesserung der allgemeinen Organfunktionen- Behandlung von Brust-Thorax-großes und kleines Beckensystem.

Strukturelle Osteopathie (SO)

(Chirotherapie, manuelle Medizin, myofasziale Therapie, Energie-Techniken-MET etc.)

Die SO ist von den Inhalten her vergleichbar mit der manuellen Medizin im europäischen Sprachgebrauch und arbeitet mit den uns bekannten klassischen Methoden an der Wirbelsäule und Extremitäten wie Gelenkmobilisierungen, Manipulationen, Muskeltherapiemethoden z.B. bei gynäkologischem Rückenschmerz durch Blockierung.

Die Indikation der Osteopathiebehandlung

Zunächst muß man betonen, daß die Indikation immer durch einen in der Osteopathie ausgebildeten Arzt gestellt werden sollte, der die osteopathischen Untersuchungsverfahren sowie Behandlungstechniken beherrscht. In der osteopathischen Untersuchung sollte der Arzt natürlich in der Lage sein die erforderlichen schulmedizinischen Diagnoseverfahren entweder selbst oder, wenn erforderlich, durch Überweisung zum Fachkollegen abklären zu können. Die Osteopathie steht der Schulmedizin nicht entgegen sondern kann die Schulmedizin ergänzen und an einigen Stellen natürlich auch ersetzen. Gerade dann, wenn Behandlungsrezepte der Schulmedizin nicht greifen, z. B. wenn physikalische Therapie, Operationen oder medikamentöse Versorgung nicht wirken, bietet die Osteopathie mögliche alternative Behandlungskonzepte. Auch in der Gynäkologie ist u.a. bei chronischen Zuständen oder Folgen von Operationen also bei Krankheitsbildern, wo eine osteopathische Läsion die Haupt- oder Mitursache ist, Besserung der Beschwerdesymptomatik erreichbar. Für die spezifische Indikationsstellung ist von Bedeutung, daß die osteopathische Behandlung auf bestimmte Restriktionen, z. B. auf Verspannungen in den genannten drei Systemen, einwirkt und diese beseitigt. Sinnvoll ist sie also immer dann, wenn eine bestimmte Grunderkrankung Störungen am Haltungs- und Bewegungsapparat ausgelöst hat oder die Organe des Weiblichen Beckens in ihrer Bewegungsfunktion beeinträchtigt sind. Beispielsweise kann eine chronische Dysmenorrohö zu peritonealen oder retroperitonealen Restrictionen und deshalb zu chronischen Wirbelsäulen –ISG – Schmerzen führen. Eine Lösung der Verspannungen der Körpermatrix durch osteopathische Techniken wäre dann ein adäquates Behandlungskonzept zur Verminderung oder Beseitigung des angegebenen Wirbel-säulenkomplexschmerzes.

Die Behandlung sollte nach den Richtlinien anerkannter osteopathisch-wissenschaftlichen u./o. ausbildenden Gesellschaften erfolgen, z.B. der American Academie of Osteopathie oder der Deutschen Gesellschaft für Osteopathie und Schmerztherapie (DGOS).

Die Behandlung kann im Einzelfall auch durch eine/n in der Osteopathie geschulte/n Krankengymnastin/en erfolgen jedoch nur durch Anleitung und Kontrolle eines osteopathischen Arztes.

Ergänzende Diagnostik

Im Vordergrund steht immer das Gynäkologische Krankheitsbild. Hier soll die Fachärztin entscheiden was von Labor-Hormondiagnostik-Bildgebung-MRT-Sonografie-Densitometrie bis hin zu minimalinvasiven Eingriffen dann auch zur Osteopathie führt.

Behandlungsablauf

Die Therapie ist grundsätzlich „manipulativ“, d. h. es wird manuell mit den Händen untersucht und behandelt. Gearbeitet wird überwiegend mit weichen Behandlungstechniken im Sinne von zarten Berührungen, Diagnostik und Therapie zur jeweiligen Lokalisation der Störung. Im Bereich der strukturellen Osteopathie können aber Hochgeschwindigkeitstechniken im Sinne eines „Impulses“, das sogenannte Knacken, indikationsabhängig mal erforderlich sein. Die Variationsbreite möglicher Techniken ist bei den Behandlern individuell verschieden. Unabhängig vom Behandler sollte jedoch folgende Vorgehensweise Standart sein:

Nach dem sogenannten „general listening“, der genauen osteopathischen manuellen Diagnostik, erfolgt die Lokalisation der jeweiligen Störung, bzw. Störungskomplexe. Hieraus leiten sich dann entsprechende manipulative Techniken am Patienten ab, die, erfolgreich eingesetzt, zur Verbesserung der Gesamtfunktion des Organismus führen.

Im Rahmen der craniosacralen Osteopathie (Bild 1) zum Beispiel werden die Finger an entsprechenden Beckenknochen adaptierend angelegt und diese mit Hilfe von zarter Berührung, mobilisiert. Hierbei muß der Behandler genaue Kenntnisse über die möglichen Bewegungsrichtungen der einzelnen Beckenknochen haben und diagnostisch feststellen, welche zueinander in Fehlstellung verharren. Er hat dann die Möglichkeit, über bestimmte Behandlungsschemata zu einer Auflösung dieser Fehlstellung zu kommen und verspürt dann ein „Release“ der Beckenknochen und Organe. Diese Techniken können nach Gynäkologischen endoskopischen oder auch großen operativen Eingriffen erforderlich werden. Die Schädelknochen und Membranen des Schädelinneren sind durch den Bindegewebsschlauch der Rückenmarkshaut mit dem Kreuzbein im Becken verbunden. Deshalb können Techniken erforderlich sein, die nacheinander oder auch gleichzeitig die osteopathischen Störungen des Kopfes oder des Kreuzbeines behandeln. Nach Geburten kommt es häufig bei Säuglingen und Kleinkindern zu Schädelrestrictionen aber auch zu entsprechenden „Verzerrungen im weiblichen Becken“ sodass sowohl Mutter wie auch Neugeborenes einer osteopathischen Therapie bedürfen.(z.B. Ear Pull) Hierbei werden beim liegenden Patienten die Ohrmuscheln in einem Winkel von etwa 45° nach unten auseinander gezogen, was neben einer Mobilisation der am Ohr ansetzenden Schädelknochen (Os Temporale) zusätzlich eine Behandlung der horizontalen Membransysteme der harten Hirnhäute bewirkt. Bei Narben ,EU-Eingriffen,Cystitiden,urologisch-gynäkologischen Interdependenzen werden häufig die Organstrukturen „be-handelt“. Bei der visceralen Osteopathie wird auf die Beweglichkeit und die Bewegung der inneren Organe eingewirkt (Bild 2). Dies führt nachweislich zur spezifischen Verbesserung der Organfunktionen. Hierbei verschafft sich der Behandler einen orientierenden Überblick über die Gesamtbeweglichkeit der einzelnen inneren Organe. Er testet die Reaktion seiner Berührung auf die Bewegung, was sich auch mittels Ultraschalldiagnostik teilweise dokumentieren läßt. Der Therapeut also fühlt, was sozusagen vom Organ „hochkommt“. Hierbei können der Patienten die ursächlichen Probleme einfallen, dasjenige also, was ihr „Bauchbeschwerden macht“ wie Stress, Sorgen,Familie u.s.w. . Berührung ist hier also immer auch als etwas zu verstehen, was innerlich berührt. Mit der Hand dringt der Therapeut in die Tiefe ein, folgt dem Gewebe, hält inne, bis er zu der Stelle im Gewebe gelangt, die es zu lösen gilt. Auch hier berücksichtigt er die Energiebahnen des Menschen, die in einem horizontalen und vertikalen System verlaufen.

Psychische, sowie psychosomatische Hintergründe werden bei einem erfahrenen Therapeuten aufgrund seiner ganzheitlichen Ausbildung gegebenenfalls mit berücksichtigt. Nach Richtlinien der DGOS ist eine Schmerztherapie und Psychotherapie- Ausbildung für das zuvor gesagte erforderlich.

Osteopathie als Alternative zur schulmedizinischen klassischen Gynäkologie?

Immer nur im Sinne einer sinnvollen Erweiterung zumal es auch in vielen Fällen der Osteopathie möglich ist, kostenintensive Behandlungsformen zu vermeiden. Nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass die Osteopathie im Prinzip keine Gegenanzeigen hat. In jedem Fall aber kann in ihr eine sehr sinnvolle und wirksame, dabei auch kostensparende Ergänzung, und auch eine generelle Erweiterung des gesamten therapeutischen Spektrums gesehen werden. Das hat sich auch im privatärztlichen Bereich bereits seit vielen Jahren mit Erfolg bestätigt.

Anwendungsspektrum der Osteopathie in der Gynäkologie

Als sinnvolle Ergänzung und Erweiterung der schulmedizinischen Gynäkologie sind osteopathische Techniken immer dann sinnvoll, wenn die Trias der Indikation zur Osteopathiebehandlung grundsätzlich „passt“ (3D-Matrix-Restriction im Bereich der Gyn. Organe plus betroffenen Nachbarbeziehungen; Psychovegetative Alteration; Schmerzen) und sonst keine Kontraindikationen bestehen, (z.B. Z.n. Tumor- Bestrahlung, Haut-Schleimhaut-läsionen-Indurationen, Z.n. Operationen in Abhängigkeit von der Wundheilung und Art der OP etc.) um hier auch nur das zu behandeln was im Focus der Therapierbarkeit liegt.

Genannt werden können somit folgende Symptom- und Befundkomplexe :

  • Neurovegetative Beschwerden im kleinen Becken (nach Martius) mit spastischen Muskelkontraktionen,Obstipation,Abwehrspannung sowie vaskulären und sektetorischen Störungen.
  • Kreuzschmerz als Gynäkologisches Symtom was bei 1/5 aller Gyn. Erkrankungen aufritt,
  • Dysmenorrhö, Myome, Descensus, prämenstruelle Lockerungen des Beckenringes – auch bei normaler Schwangerschaft, Entzündungen wie Adnexitis, Zyklusstörungen, Uterus-lageveränderungen auch mit fixierten Fehlhaltungen, Tubenaffektionen
  • OP-Folgen mit Verwachsungen im Beckenbereich aber auch im Bereich der Mamma mit Thorako- Muskulären-Komplex-restriktionen oder Lymphabflussstörungen.

Von den Nachbar-Regionen muß immer die Urologie mit Berücksichtigung finden, so wie es bei der chronischen Cystitis immer auch Restriktionen urogenital gibt. Erkrankungen der Niere und Reizungen ableitenden Harnwege können immer die gesamte „Becken-Wirbelsäulen-Hüft-Matrix alterieren. Wir kennen in der Osteopathie auch quasi Gelenksbeziehungen der Organe mit Pendelbewegungen und Gleitbahnen, die oftmals entlang den embryonalen Ontogeneseverläufen und individuellen Wachstumsaberrationen folgend manipuliert werden.

Diese natürlichen Nachbarbeziehungen sind oftmals in der Interaktion auch mit den Inhärenten Rhythmen von Darm-Blutgefäßen-Nervenleitbahnen,Drüsen-Organen und peritonealen Höhlenbeziehungen und Lymphbahnen beeinträchtigt.

Die Behandlung orientiert sich dann daran den „natürlichen Bewegungen und Beweglichkeitsparametern“ zu folgen bzw. sie wiederherzustellen oder bei postoperativen Verläufen eine Beweglichkeitsverbesserung zu „be-handeln“

Insgesamt sind auch „Fernwirkungen“ zu berücksichtigen bei denen es zu sogenannten „Kettenstörungen“ kommen kann (z.B. Adnexitis mit Beinschmerz-Isg-Blockierung-und resultierendem Kopfschmerz).Hier kann es durch gynäkologisch bedingte Krankheiten auch im ganzen Craniosacralen System zu schmerzhaften behandlungsbedürftigen Störungen kommen. Man behandelt ja grundsätzlich die Organ- und Körperhöhlen- Ebenen horizontal und ihre longitudinalen Verbindungen über die fascialen und nervo-vasalen Leitbahnen cranio caudal. Bei lokalen Störungen durch eine Gynäkologische Erkrankung muss man dann auch gegebenenfalls die „hot Spots-oder Energy cysts“ also lokale akute oder chronische Läsionen mit Spasmen und Verspannungen auflösen, die u.U.zu einer „Verzerrung des Körper insgesamt geführt haben.Die Osteopathie-Behandlung verbessert damit die Beweglichkeit des Organs selbst, die innere Organmatrixmotilität ,kräftigt und stimulliert die inhärenten Systembeweglichkeitsparameter, stabilisiert und stimuliert damit nachweisbar die Gesundung des Individuums.

Zusammenfassend handelt es sich immer um ein Gesamtkonzept einer Behandlung, bei dem nach einer sachgerechten Gynäkologischen Therapie die osteopathischen Techniken effektiv , umfassend und kostenminimierend oft den lichtbringenden Impuls bei Therapieresistenzen aufzeigen.

Die orientierte Gynäkologin sollte daher auch immer diese Methoden im Gesamtspektrum der Behandlungsmöglichkeiten im Sinne ihrer Patientinnen vom Befund zur angepassten Behandlung empfehlen können.